
Der Moment zwischen Dunkel und Hell
Wenn du denkst, es gibt keinen Ausweg mehr und die Welt um dich in Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit versinkt, übersiehst du womöglich den kleinen, zarten Moment, der Raum braucht, um zu wachsen. Zu wachsen wie Pflanzen dem Licht entgegen. Denn Licht ist Energie, um das Überleben zu sichern.
Der kleinste Lichtstrahl, ein Funke, der alles verändern kann. Nicht durch große Gesten, sondern durch ein winziges Aufleuchten konnte er auch mein Überleben sichern. Wie kostbar ist so ein Moment? Plötzlich ist da ein Gedanke, ein Bild, ein Lied, das du hörst, oder eine spontane, berührende Begegnung. Eine Vogelstimme im Garten der Natur. Es gibt unzählige solcher zarten Augenblicke, die dich wach machen können für das pulsierende Leben in all seiner Schönheit.
Manchmal brauchen wir Menschen die Dunkelheit, um den Funken wiederzusehen, wenn wir uns selbst verloren haben. Wie oft stand ich an dieser Schwelle, wenn die zermürbende Resignation mich um den Verstand brachte. Als ich Kissen voll Tränen weinte und meine stillen Schreie niemand hörte und im Nirgendwo verhallten, aus Scham, mich so verletzlich zu zeigen. Wie oft habe ich in diesen Stunden die dunkle Sehnsucht gespürt, ihren Sog, die Schwelle in die falsche Richtung zu überschreiten, mit der leisen Hoffnung, dass dann endlich alles ein Ende hätte. Jahre? Nein, Jahrzehnte. Tag für Tag, Monat für Monat im Gruselkabinett des Lebens. Aber der Tod ist keine Lösung.
Ich zog mich wie ein Tier zurück von der Welt in meinen Bau und blieb ein paar Tage in der Einsamkeit, um zur Ruhe zu kommen und die Wunden zu lecken. Ich habe versucht zu schlafen, dem Körper Ruhe zu geben, damit der aufgescheuchte Geist und der überschäumende Gefühlscocktail sich beruhigen konnten.
Meist kam unverhofft von irgendwoher ein kleiner Funke Kreativität. Eine Idee und der Gedanke: Das alles muss doch einen tieferen Sinn haben. Was habe ich nicht verstanden, was ich noch lernen darf?
Ja, sie haben mich getragen, durch jedes Leid, durch jeden Schmerz und dieses zerstörerische Gefühl von Einsamkeit. Ich habe mich damals so endlos verloren gefühlt, so verlassen, so unverstanden.
Jeder einzelne Überlebensfunke hat gereicht, dass ich dem Sog der Todesschwelle widerstand, als würden sie leise in mein Ohr flüstern: Gib nicht auf! Es waren nie die großen Rettungen mit einer 180-Grad-Drehung meines Lebens, aber sie waren die stillen, leuchtenden Zeitzeugen in einer Zeit, in der die Tsunamis in meinem Leben nur so über mich hinweg gerollt sind. Mehr als einmal standen meine Lebensgrundlagen auf Messers Schneide. Die Verwüstungen in meiner Innenwelt hinterließen ihre tiefen Spuren, und es dauerte oft eine lange Zeit, bis ich mich wieder aufrappeln konnte und buchstäblich den Staub aus den Kleidern schlug. Die Krone wieder zurechtrückte und bereit war zu sagen:
Weiter geht’s. Aufgeben ist keine Option.
Ja, ich war zu Boden gegangen. Aber irgendwann stand ich wieder auf.
Was diese Schwellenmomente mich gelehrt haben:
Dass die Funken kommen, auch wenn du nicht mehr daran glaubst – und du lernen darfst, sie zu sehen. Dunkelheit und Licht sind dort am nächsten beieinander, wo Leid und Schmerz dich so vom bunten Leben trennen. Aufstehen ist eine Entscheidung, die man immer wieder treffen kann, wenn man nachfragt, was es zu lernen gibt, oder nach dem Sinn schaut. Wobei man den Sinn meist erst danach sieht, in der Retro-Perspektive.
Meine vielen Risse haben mich nicht weniger, sondern mehr gemacht. Deshalb erlaube ich mir endlich heute, ein Licht für andere zu sein, weil ich die Dunkelheit jahrelang schweigend in den inneren Landschaften durchwandert bin.

