
Die Schatten der Vergangenheit haben viele Stimmen, die oft noch Jahre bis Jahrzehnte in den Köpfen der traumatisierten Menschen ihr Unwesen treiben. Sie flüstern, schreien, mahnen, wie eine kaputte Schallplatte und wiederholen sich konsequent. Sie kommen wie Gespenster aus dem Nichts. Am Tag, in der Nacht, in stillen Momenten, in Situationen, die uns immer noch triggern. Sie sprechen in Flashbacks, in Albträumen, in Körperschmerzen, in plötzlicher Angst. Beißen sich fest, als müssten sie ihr Dasein bis auf den Tod verteidigen.
Aber die heimtückischsten Stimmen sind die, die wir für unsere eigenen halten.
Die Introjekte. Die verinnerlichten, unbewussten inneren Stimmen derer, die uns geschadet haben.
Introjekte sind die Täter*innen der Vergangenheit, die in uns weiterleben.
Es sind die Stimmen der Mutter, des Vaters, der Menschen, die Gewalt in vielen unterschiedlichen Arten ausgeübt haben. Sie haben sich buchstäblich in uns eingenistet. Sie sprechen mit ihrer Autorität. Sie wiederholen ihre Botschaften Tag für Tag, Jahr für Jahr, mit einer Penetranz, die kaum zum Aushalten ist.
Und das Perfide ist: Sie klingen wie unsere eigene Stimme. Sie fühlen sich an wie unsere eigenen Gedanken und tarnen sich als innere Wahrheit.
Aber sie sind es nicht!
„Du bist wie er!“
Dieser Satz verfolgt mich seit meiner Kindheit. Meine Mutter sagte ihn zu mir, da war ich ungefähr 9 Jahre alt und meinte meinen Vater. Einen Mörder verurteilt zu lebenslanger Haft in Amerika.
Als Kind in den 80er Jahren, als die These kursierte, dass Gewalt vererbbar sei, war das für mich die Hölle. Die pure, nackte Angst kroch still jahrelang in mir herum. Könnte ich diese Gewaltbereitschaft auch in mir haben? Könnte ich werden wie er? Könnte ich gefährlich für andere Menschen sein?
Diese Stimme und dieser eine Satz haben sich tief in mich eingegraben. So tief, dass er bis heute da ist und manchmal unter Stress seine hässliche Fratze zeigt.
Immer wenn ich nicht nett bin und sehr deutlich sage, was mir nicht gefällt. Immer wenn ich wütend bin – und Wut ist ein normales, gesundes, menschliches Gefühl – meldet sich diese Stimme:
„Du bist wie er!“
Blitzschnell ist die Brücke zur Vergangenheit da. Sofort bin ich wieder das Kind, das Angst hat vor sich selbst. Jetzt muss ich mir sehr deutlich klarmachen, dass es nur die Aussage einer Mutter ist, die kein Bewusstsein hatte, was sie damit in ihrem Kind anrichtet. Die vielleicht selbst sauer war. Die unbedacht einen Satz in die Welt warf, der ein Leben lang nachhallen würde.
Das ist die Macht der Introjekte
Sie verwandeln normale menschliche Emotionen in Beweise für unsere angebliche Schlechtigkeit. Lassen uns an uns selbst zweifeln und schneiden uns ab von dem, was wir fühlen dürfen. Sie machen aus Wut eine Gefahr, aus Klarheit eine Bedrohung, aus Selbstbehauptung einen Beweis, dass wir schlecht sind.
Introjekte sind heimtückisch, weil:
Sie sich als unsere eigene Wahrheit ausgeben.
Sie automatisch ablaufen, ohne dass wir es merken, wenn wir sie nicht erkennen.
Sie uns von innen kontrollieren, wo die äußeren Täter längst weg sind.
Sie die Gewalt fortsetzen, auch wenn die Gewalt längst vorbei ist.
Sie uns daran hindern, frei zu sein, zu fühlen, zu leben.
Was sagen diese Stimmen?
Du bist nichts wert.
Du bist schuld.
Du bist schmutzig.
Niemand wird dir glauben.
Das hast du verdient.
Du bist zu viel.
Du bist nicht genug.
Du bist wie er/sie.
Die schlimmste Gleichsetzung mit denen, die uns verletzt haben. Diese Sätze sind nicht wahr. Sie waren nie wahr. Aber sie wurden uns eingebrannt, von Menschen, die Macht über uns hatten. Von Menschen, deren Worte Gewicht hatten, weil wir Kinder waren, abhängig und verletzlich.
Und dann gibt es die anderen Stimmen im Schatten
Die Stimme des Körpers, der schreit, was die Psyche und der Verstand nicht aussprechen kann. Chronische Schmerzen ohne organische Ursache. Symptome, die kommen und gehen, die nicht erklärbar sind für die Medizin, aber sehr real für uns.
Die Stimmen der Erinnerungen, die sich aufdrängen. Flashbacks, die uns aus der Gegenwart reißen. Albträume, die uns nachts verfolgen. Das ständige wieder aufploppen dessen, was wir lieber vergessen würden.
Die Stimmen der Emotionen, die überwältigen. Plötzliche Angst, unerklärliche Panik, Scham die brennt. Wut, die hochkommt und emotionale Taubheit, wenn es zu viel wird.
All das sind Schattenklänge und Stimmen, die uns sagen: Das eigentliche Trauma ist vorbei, aber in den Traumafolgen wirkt es weiter. Es lebt und spricht auf seine Art.
Die hartnäckigsten aber bleiben die Introjekte
Weil sie so schwer zu erkennen sind und sie für unsere eigenen Gedanken halten. Weil wir oft jahrzehntelang glaubten, dass das, was sie sagen, wahr ist.
Auch wenn Täterintrojekte einst das körperlich, psychische und mentale Überleben des Kindes sicherten und als kreativer, systemerhaltender Selbstschutzmechanismus vor einer Psychose schützten, werden sie im Erwachsenenalter zu lästigen Begleitern, besonders dann, wenn sie weiterhin aktiv sind.
„Du bist wie er!“ – Nein! Ich bin nicht wie er. Ich bin ich. Meine Wut ist nicht seine Gewalt und meine Klarheit ist nicht seine Grausamkeit. Meine Emotionen sind nicht sein Verbrechen.
Aber dieser Satz meldet sich trotzdem. Immer wieder und leider immer noch, wie eine Brandmarke.
Die Weitergabe der Introjekte
Transgenerational, von Generation zu Generation. Die Stimmen der Großeltern leben in den Eltern weiter, die sie an die Kinder weitergeben. Unbewusst, ungewollt, aber wirksam. Die schwere, unbenennbare Stimmung in Familien, die Schuldgefühle, die niemand versteht. Der Wiederholungszwang, der sich durch Generationen zieht.
Das sind die Stimmen, die weitergegeben werden. Die Introjekte, die vererbt werden, nicht genetisch, aber psychisch.
Die Stimmen im Schatten sind mächtig. Sie halten uns gefangen in der Vergangenheit, überschatten unsere Gegenwart und verdunkeln unsere Zukunft.
Aber sie sind nicht allmächtig.
Die Arbeit mit Introjekten
Täterintrojekte können im Laufe der Zeit immer stärker und fordernder werden können, da unser Gehirn Bewährtes synaptisch verstärkt. Dadurch ist es möglich, dass sie noch schädlicher und bösartiger werden, als es die ursprünglichen, realen, äußeren Täter*innen je waren. Aus diesem Grund ist es super wichtig, sich zu fragen:
Bin ich das, der da spricht? NEIN, das ist die Stimme der Schatten, die in mir spricht.
Ist das meine Stimme? NEIN, das ist nicht meine Stimme. Das ist die Stimme, die mir eingepflanzt wurde.
Ist das meine Wahrheit? NEIN, das ist nicht meine Wahrheit. Das ist die Wahrheit, die mir aufgezwungen wurde.
Bin ich das, der da spricht? NEIN, das ist die Stimme der Schatten, die in mir spricht.
Das deutlich unterscheiden zu lernen, ist der erste Schritt zur Befreiung.
Und dann dürfen wir Schritt für Schritt, Trigger für Trigger, Situation für Situation diese Stimme in uns entmachten. Sie ganz zum Schweigen zu bringen gelingt leider oft nicht, wenn sie sich tief in uns verankert hat, aber ihr die Macht zu nehmen ist zu schaffen, denn ich bin mehr als die Stimmen der Schatten.

