Die verbannten inneren Anteile

Wenn wir gesellschaftlich von verbannten inneren Anteilen sprechen, denken die meisten nur an die dunklen Seiten. An Wut, Aggression, Scham und Schuld. An die Gefühle und Impulse, die wir oft als Kinder schon wegdrücken mussten, weil sie nicht sein durften. Weil sie gefährlich waren und nicht ins Bild passten von dem, wer wir sein sollten.

Aber Trauma verbannt nicht nur die Dunkelheit.

Es verbannt auch das Licht

Lebendigkeit, pure Freude, Leichtigkeit, das Lachen, die Unbeschwertheit. Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Die Spontaneität, die Kinder so natürlich haben.

Als Kind wurde ich sehr ernst. Schaue ich heute auf alte Kinderfotos, sehe ich kaum ein Lachen, denn mir ist buchstäblich das Lachen vergangen. Das Trauma hat es mir leise, schleichend, gründlich genommen. Leider ist es bis heute so geblieben.

Wirklich herzhaft zu lachen gelingt mir nur, wenn ich mitgerissen werde durch äußere Impulse von Menschen. Dann geht es plötzlich so leicht. Dann kann ich so schön lachen. Wie beim Lachyoga in einer Gruppe. Aber aus mir selbst heraus? Sehr selten. Über mich selbst lachen können, ist gefühlt fast unmöglich. Es ist mir förmlich verloren gegangen durch die vielen dunklen Zeiten in meinem Leben.

Ich sehe bis heute noch alles sehr ernst. Diese Spur des Traumas hat sich tief eingebrannt. Manchmal finde ich es befremdlich, wenn andere alles so leicht und lustig sehen, wo doch vieles eben halt so nicht ist. Die Leichtigkeit des Lebens ist irgendwie nicht mehr spürbar für mich bei so viel Lasten auf Kinderschultern.

Das ist eine der Folgen des Schwarzen

Nicht nur die Wunden bleiben, die Angst, der Schmerz, oder die Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit). Auch das, was uns als Menschen so lebendig macht, kann plötzlich verschwinden. Die Freude wird in die tiefsten Ebenen verbannt und die Leichtigkeit gesellt sich aus Sympathie dazu.

Warum werden die hellen Teile verbannt?

Weil Freude im Schwarz gefährlich und Leichtigkeit nicht angemessen war. Weil Lachen zu laut war, zu auffällig, viel zu riskant. Weil Lebendigkeit Aufmerksamkeit auf sich zog und Aufmerksamkeit konnte schwere Folgen haben.

Weil ich als Kind lernte: Ernst, still und unsichtbar zu sein ist sicherer.

Und so wurde die Lebendigkeit in der Tiefe weggeschlossen. Zusammen mit der Wut, der Trauer, der Angst. Alles, was zu groß war, zu laut, zu viel musste weg.

Die verbannten Teile verschwinden nicht

Sie gehen nur ins Exil. Sie ziehen sich zurück in die tiefsten Winkel unseres Seins. Und von dort wirken sie. Unsichtbar, aber mächtig.

Die verbannte Wut wird zu Depression, die Trauer zur emotionalen Taubheit und die Angst wird zu Kontrolle.

Und die verbannte Freude? Die verbannte Leichtigkeit?

Sie wird zu Schwere und zu Ernst. Zu einem Leben, das funktioniert, aber nicht pulsiert. Zu einem Dasein in Grautönen, wo eigentlich Farben sein könnten.

Ganzheit bedeutet alle Teile zurückholen

Nicht nur die dunklen, auch die hellen.

Nicht nur die Wut integrieren, die Trauer fühlen, die Angst anerkennen. Sondern auch die Freude zurückholen, die Leichtigkeit wiederentdecken und das Lachen befreien. Das ist vielleicht sogar schwerer als die Arbeit mit dem Dunklen. Denn das Dunkle kennen wir und ist uns so vertraut.

Aber die Freude? Die Leichtigkeit? Die fühlen sich fremd an. Gefährlich, unpassend, als würden sie nicht zu uns gehören. Als hätten wir kein Recht darauf.

Ich bin vollkommen in meiner Unvollkommenheit

Das bedeutet: Ich bin beides. Ich bin die Schwere UND die Leichtigkeit. Die Trauer UND die Freude. Der Ernst UND das Lachen.

Auch wenn ich das Lachen noch nicht zurückgeholt habe. Auch wenn die Leichtigkeit noch fern ist. Sie gehört zu mir. Sie ist ein Teil von mir, der darauf wartet, wieder bewusst gesehen zu werden.

Die verbannten Teile zurückzuholen ist Arbeit

Es ist nicht so, dass wir einfach beschließen: „Jetzt bin ich wieder fröhlich!“, und es geschieht. Es ist ein Prozess. Ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess, bis alle Gefühle gefühlt und verkörpert sind. Es bedeutet, die Teile zu finden, die wir in uns weggeschlossen haben. Sie anzuschauen und sie zu begrüßen, wie Gäste, die endlich gesehen, gehört und gefühlt werden wollen. Ihnen Raum zu geben, mit ihren Geschichten, die sie in sich tragen und sie langsam, behutsam, Schritt für Schritt zu integrieren.

Manchmal braucht es äußere Impulse oder Menschen, die uns mitreißen. Situationen, die uns aus der Ernsthaftigkeit herauskatapultieren. Momente, in denen die Leichtigkeit sich einen Weg bahnt, auch wenn wir ihr die Tür verschlossen hatten.

Und manchmal braucht es die Akzeptanz

Dass, ich heute noch ernst bin und mir das Lachen schwerfällt.
Dass, die Leichtigkeit des Lebens oft nicht spürbar ist.
Dass, das okay ist.
Dass ich trotzdem ganz bin, mit diesem verbannten Teil, der noch im Exil lebt.

Die verbannten Teile zeigen sich trotzdem auf anderen Wegen

Auch wenn ich die Freude, die Leichtigkeit, das bunte Leben im Alltag nicht direkt spüren kann. In meiner Kunst sind sie da. In den Bildern, die ich erschaffe. In der Neurographik, in den Kritzelbildern, den vielen bunten Aquarellbildern. In den Farben, die ich wähle.

Mein Traumabaum zum Beispiel. Er strahlt förmlich. Links das Schwarz, die Verästelungen, das Dunkle, die schmerzhafte Vergangenheit. Rechts das Bunte, das Lebendige, die Farben. Beide Seiten in einem Bild. Beide Seiten in mir.

Über die künstlerische Arbeit kann ich die Freude in Szene setzen, die mir im direkten Leben nicht immer zugänglich ist. Die Bilder zeigen die Lebendigkeit, die in mir existiert – auch wenn ich sie durch die Schwere oft nicht fühle.

Das ist auch UND

Die Freude ist verbannt UND sie zeigt sich trotzdem. Die Leichtigkeit ist verloren UND sie lebt in den Farben. Das Lachen ist verstummt UND es strahlt aus den Bildern.

Nichts ist wirklich weg. Alles ist noch da. Nur manchmal auf anderen Wegen, in anderen Formen, durch andere Ausdrücke.

Ganzheit ist kein Zustand, den wir erreichen

Ganzheit ist ein Prozess. Ein ständiges Hin und Her zwischen dem, was wir zurückgeholt haben, und dem, was noch im Schatten liegt. Zwischen dem, was wir integriert haben, und dem, was noch auf Transformation wartet.

Ich bin alles!

Die Schwere UND die Leichtigkeit, auch wenn ich die Leichtigkeit noch nicht fühle. Der Ernst UND das Lachen, auch wenn das Lachen noch verschlossen ist. Die Trauer UND die Freude, auch wenn die Freude noch verbannt ist.

Ich bin nicht entweder/oder. Ich bin UND.
Vollkommen in meiner Unvollkommenheit.

Mit allen Teilen – den sichtbaren und den unsichtbaren, den zurückgeholten und den noch verbannten im Exil.

Man sollte mit inneren Anteilen so umgehen,
wie man mit kleinen Kindern umgehen würde:
aufmerksam, zugewandt, wohlwollend und respektvoll.

© Verena König

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