Die weiße Leinwand

Jetzt ist der Moment gekommen. Wie lange hast du auf diesen Augenblick gewartet? Wie viel Mut brauchte es, bis du jetzt den Pinsel in der Hand hältst? Da steht sie unberührt, makellos und leer vor dir, die große, weiße Leinwand auf der neuen, noch unbenutzten Staffelei. Und genau das macht sie vielleicht für dich so bedrohlich. Denn auf dieser weißen Fläche könnte alles entstehen, oder auch nichts. Sie fordert dich heraus: Traust du dich? Wagst du es, sie zu berühren?

Nach allem, was war in deinem Leben. Nach dem Schwarz, das dich verschlungen hat, mit seinem Schmerz und Drama. Nach den Schatten, die noch flüstern. Nach der langen Zeit, in der du nur überleben musstest, nicht gestalten. Jetzt stehst du hier, mit einem Pinsel in der Hand. Und die Frage lautet nicht: „Was soll ich malen?“ Die Frage lautet: „Darf ich überhaupt?“

Der erste Kontakt

Ich erinnere mich an meinen ersten Moment mit der weißen Leinwand. Ich nahm keinen Pinsel mit Farbe. Ich nahm nur Wasser. Klares, reines Wasser. Und ich malte die ersten Striche und sie schienen fast unsichtbar. Nur ein bisschen Glanz auf dem Weiß, der nach wenigen Minuten wieder verschwand.

Warum nahm ich nur Wasser? Ich wollte im ersten Schritt probieren und fühlen, weil ich sehen wollte, wie meine innere Welt darauf reagiert. Wie mein Kopf, meine Psyche, mein Körper auf diesen ersten Kontakt mit etwas Neuem antworten. Würde Panik kommen? Würde die innere Kritikerin schreien? Würden die Schatten mich zurückziehen?

Es war ein Test. Ein vorsichtiges Herantasten. Ein „Ich probiere das jetzt mal, aber ich verpflichte mich zu nichts.“

Und weißt du was? Es ging. Meine Welt brach nicht zusammen und ich auch nicht. Der Pinsel glitt über die Leinwand, das Wasser hinterließ seine flüchtigen Spuren, und ich atmete. Sobald das Wasser trocknete, fing ich wieder an und es begann ein Spiel mit der Flüchtigkeit des Seins. Je mehr ich mich traute, desto leichter und fröhlicher wurde es in mir.

Was dieser erste Farbklecks bedeutet

Der erste Farbklecks, oder in meinem Fall: der erste Wasserstrich, ist nicht der Beginn eines Meisterwerks. Er ist der Beweis, dass du es wagst und du dich traust, die Starre zu verlassen. Dass du bereit bist, etwas Neues zu berühren, auch wenn du noch nicht weißt, was daraus wird.

Er muss nicht schön und perfekt sein. Er muss nicht einmal bleiben. Es darf einfach und selbstverständlich nur sein.

Dieser erste Klecks, dieser erste Strich, diese erste Berührung der leeren Leinwand ist deine Rebellion gegen das Schwarz, das dir einreden wollte, du könntest nicht gestalten. Es ist dein Aufstand gegen die Schatten, die dir flüstern, du seist es nicht wert.

Es ist dein erstes zartes bewusstes JA zu dir selbst und deiner Eigenmacht.

Dein erster Farbklecks

Vielleicht ist dein erster Farbklecks kein Pinselstrich. Vielleicht ist es ein Wort, das du aufschreibst. Ein Ton, den du zu summen wagst. Ein Schritt, den du gehst, obwohl die Angst mitkommt. Eine Entscheidung, die du triffst – klein, unscheinbar, aber deine.

Es geht nicht darum, sofort in Farbe zu explodieren. Es geht darum, überhaupt anzufangen, mit dem ersten mutigen Schritt. Die Leinwand zu berühren und den Kontakt aufzunehmen. In dir zu spüren: Ich darf hier sein und gestalten. Ich darf einfach neu beginnen.

Und wenn der erste Strich verschwindet wie Wasser auf Leinwand? Dann hast du trotzdem etwas Unbezahlbares gewonnen: Du hast es versucht und dich getraut. Du hast den Pinsel in die Hand genommen.

Das ist Gold.

Deine Einladung

Nimm dir eine weiße Fläche. Ein Blatt Papier, eine Leinwand, einen leeren Bildschirm. Und wenn Farbe für den ersten Schritt zu viel ist, nimm einfach klares Wasser, oder einen Bleistift. Oder deine Fingerspitze.

Berühre die Leere und mach den ersten Strich. Und dann atme.

Schau, was passiert. In dir und um dich herum.

Vielleicht ist das der Anfang von etwas Neuem. Vielleicht auch nicht. Aber du hast etwas getan, was im Schwarz unmöglich schien: Du hast mutig begonnen.

Leere

Was du auch tust,
und wie stark du dich auch sehnst,
nie wird ganz ausreichen, was du hast.
An der Leere werden wir zu Träumern,
Entdeckern, Liebenden und Hoffenden.
Wenn du dich aber für Bitterkeit entscheidest,
dieses süße Gefühl, an der Welt zu leiden,
nicht wertgeschätzt und unverstanden zu sein,
dann schließt sich die Tür in die Weite.
Dann richtest du dich ein in dem, was du nicht hast,
und verpasst die Gabe der Sehnsucht:
die geheimnisförmige Leere,
die sich mit mehr füllt,
als du dir wünschen konntest.

© Ulrich Schaffer

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